Ostern

Ostern gehört zu den beweglichen Festen, d.h. es hat kein kalendermäßig festgehaltenes Datum. Es richtet sich nach dem Vollmond. Man sagt, das Osterfest kommt und geht mit dem Mond, manchmal früher, manchmal später. Frühestens am 23. März, spätestens etwa Ende April. Es fällt auf den ersten Sonntag nach Frühjahrsvollmond. Unter Frühjahrsvollmond versteht man den ersten Vollmond nach dem 21. März. Fällt der Frühjahrsvollmond auf den 22. März der ein Samstag ist, dann ist gleich am anderen Tag, d.h. am 23.März Ostersonntag. Begegnen sich Frühjahrsvollmond und der 22. März an einem Sonntag, dann fällt Ostern auf den nächsten Sonntag, den 29. März.

 

Im Allgemeinen kann man sagen, wenn Frühjahrsvollmond auf einen Sonntag fällt, dann wird Ostern erst am kommenden Sonntag gefeiert. Ähnlich wie es in Lazarfeld mit dem Bestimmen der Kirchweih üblich war, die wir am ersten Sonntag nach Martini 11.November feierten. Fiel aber der 11.November auf einen Sonntag, dann sagten wir: "Den Martini essen wir nicht" und man verlegte das große Fest auf den 18.November. Zur Zeit des Frühjahrsvollmondes herrscht in unserer verlorenen Heimat gewöhnlich schönes Frühlingswetter, obwohl der launenhafte April auch dort seine bösen Mucken treibt Es ist die Zeit, in der unsere Landsleute wichtige Feldarbeit zu verrichten hatten. Fleißige Schwabenhände sammelten dürres Unkraut, Sonnenblumen und Maisstengelwurzelkolben, welche sie teils auf dem Feld verbrannten, teils als kostbares Brennmaterial in den Hof brachten. Unermüdlich zogen vom frühen Morgen bis spät abends Pflug für Pflug, Egge und Walze über den Acker, um die Aussaat der Hackpflanzen zu bewerkstelligen.

 

Die Winterflur, meistens Weizen, steht in jenen Tagen schon in vollem Grün und braucht nicht mehr besonders gepflegt zu werden. Ist die Saat zu Georg so hoch, dass sich ein Rabe darin verstecken kann, dann sagt man, es gibt ein gutes Fruchtjahr.

 

Überall, wohin man blickt, regt und bewegt sich neues Leben. In Haus und Hof, in Feldern und Wäldern vollzieht sich das Wunder des Erwachens, das Entstehen neuen Lebens, die Auferstehung der Natur. Inmitten dieses Geschehens lenkt die Kirche unsere Gedanken auf das frohe Osterfest. Die Botschaft von der Auferstehung Christi, der Glaube an das ewige Leben, die Freude an den Schönheiten der erwachenden Natur macht uns das Osterfest zum Hochfest christlicher Freude.

 

Die kirchliche Feierlichkeit begann am Vorabend mit der Auferstehungsprozession, an der sich das ganze Dorf beteiligte. Die Prozession zog um ein Dorfviertel, wobei der Priester das Allerheiligste trug und die Kirchensänger unter Mitwirkung der Musik Auferstehungslieder sangen. Unsere frommen Rosenkranzweiber sprachen in den Pausen Gebete. Auf dem ganzen Weg, wo die Prozession vorbei kam, leuchteten aus dem schön geschmückten Fenstern Kerzenlichter, hinter denen Daheim gebliebene der Andacht lauschten und sich in Gedanken ihr anschlossen.

 

Wenn die Glocken zur Auferstehung läuteten, ging die Hausfrau mit einem Besen von Raum zu Raum, staubte alle Ecken und Winkel aus und sprach in die drei hechschte Namen: "Alli bösi Geischtr raus und die guti ins Haus". Eine alte Base erzählte mir vor ungefähr 60 Jahren, daß der Karsamstag in alter Zeit "die Hexe ihre Jerchetach" gewesen sei, in dessen Abendstunden die Hexen und Gespenster Quartier wechselten.

 

Dieselbe Base berichtete: "Wer den Hexen begegnete, dem erging es so, wie es der Großmutter unseres 80 jährigen Feldhüters geschah, als sie nach der Auferstehung von einem Besuch nach Hause ging. Sie wurde in den Kreis tanzender Hexenkatzen gezogen, und musste trotz ihres hohen Alters bis zum Ausklang der Geisterstunde Polka tanzen. Schweiß überströmt und erschöpft konnte sie dann heimgehen."

 

Das Hexen treiben mit dem Besen ist ein Überbleibsel aus alter Zeit, was nur mehr scherzweise geschah und von jung und alt belächelt wurde. Abgesehen von der Auferstehungsfeier war der Karsamstag ein Arbeitstag. Die Ratscher beendeten ihren Kurierdienst und sammelten Ostereier. Die Mannsleute arbeiteten draußen auf dem Feld, die Weiber in der Küche, wo sie Speisen für die Ostertage vorbereiteten. Sie haben Gänse, Enten und Hähnchen geschlachtet, verschiedene Backerei und Torte gebacken. Andere Herrlichkeiten brachte der Osterhas. Er tat es in den Morgenstunden des Ostersonntags. Viel früher als sonst kamen die Kinder aus den Federn und jedes huschte zu seinem Nest, das schon am Vortage verfertigt wurde. Da fanden sie gefärbte Eier, Obst, Schokoladehasen und andere Süßigkeiten. Mit freudigem Jauchzen wurde Stück für Stück geprüft, in eine Schachtel oder ins Korwl gelegt und unter das Bett geschoben. Die munteren Schulbuben steckten sich einige Eier in die Taschen und eilten zu den Kameraden, die schon mit bunten Eiern lebhaften Tauschhandel trieben. Gewinnsüchtige belustigten sich am Eierknacken. – Erforderlich ein gekochtes Ei und eine Münze. – Spiel: Man nimmt die Münze zwischen den Daumen und Zeigefinger und wirft sie auf das vorgehaltene Ei des Partners, so daß sie steckenbleibt. Wer dieses Kunststück fertig bringt, hat gewonnen.

 

Um 9 Uhr ertönte die große Glocke, es läutete "s Erschti in die Mess". Die Leute versammelten sich zum Kirchgang. Die Teilnahme am Gottesdienst war stets ein seelisches Bedürfnis unseres Volkes. Wer am Gottesdienst nicht teilnehmen konnte, empfand keine wahre Osterfreude.

 

Kurz nach der Mittagsstunde gingen die Kinder zum Pat und Godl's Ostersach' abholen. Es waren Naschereien, ähnlich wie die im Osternest, mit denen man die Tauf- und Firmkinder beschenkte. Die Erwachsenen trafen sich bei kameradschaftlichen Zusammenkünften in Privathäusern oder bei einem guten Freundschaftsgläschen im Wirtshaus.

 

Am Ostermontag erwachten wir in der Stimmung des "Frisch un gsund" Treibens, auch Mädelspritz’ genannt. Mit wassergefüllten Fläschchen lauerten die Burschen teils in Gassentüren oder in anderen Verstecken auf die vorbeikommenden Mädchen, um sie zu bespritzen, wobei sie die Worte "Frisch un gsund" sprachen. Ausgelassene Mädchen trieben am Osterdienstag dasselbe Spiel mit den Buben. Man nannte das "Buwespritz".

 

Um den Ostersegen auch auf unsere Fluren zu verpflanzen, steckte man am Ostermontag geweihte Palmen in das Feld. Sie sollten die Saat vor Ungewitter schützen. Der Ostermontag war ein besonderes Freudenfest für die tanzende Jugend, da an demselben nach langem Tanzverbot, das schon seit Letztfasching anhielt, die Musik begann. Die frohe Stimmung lockte auch die Weiber herbei, die rings um die Tanzfläche saßen und sich an dem Tanzvergnügen der Jugend erfreuten. Das frohe Beisammen sein dauerte bis Mitternacht. Nachdem der diensthabende Gemeindegeschworene "im Namen des Gesetzes "Feierowed" befahl, war das Fest zu Ende.

 

 

Der Osterhas in einer glücklichen Schwabenfamilie.

Der Osterhas ist schon auf dem Wege, er kommt mit einem vollen Korb. Diese Freudenbotschaft brachten die zurückgeflogenen Glocken in der Phantasie träumender Kinder. Der kleine Peter, Söhnchen des Dorftrommlers, der diese Nachricht mit besonderer Begeisterung verbreitet, wollte ihn sogar schon am Vorabend im Klee gesehen haben. Weil der Hase aber kein Nest fand, übernachtete er auf der Hutweide. So erzählte es der kleine Peter.

 

Von dem bekannten Trommler sei nur so viel erwähnt, daß er Vetter Josef hieß und sechs Kinder "großgezogen" hat.

 

In der Stube dieses volkreichen Hauses wurde in den Nachmittagsstunden des Karsamstags lebhaft debattiert. Laute Kinderstimmen hielten Rat, wo sie das Nest machen sollten, damit der Osterhase es findet. Nach vielen Rätselraten entschied sich der eine für den Laubschober, ein anderer für den Hambar, ein dritter wieder macht sein Nest unter einen Blumenstock usw. Wichtig war, daß außer der Mutter niemand wußte, wo der Osterhase erwartet wurde. Der kleine Peter machte sein Nest ins Korwl. Er gab reichlich Gras hinein und stellte es in einen Nebenraum. Eine gestreute Grasspur und ein bekannter Geruch sollten dem Osterhasen das Auffinden des Nestes erleichtern. Peter nahm deshalb das Gras von einem Ort. wo der Osterhas übernachtet, aus dem Bahngraben, von der Wiese usw.

 

Am Abend feierte das ganze Dorf die Auferstehung. Inzwischen ist es Nacht geworden. Irgendwo heulte ein Hund oder es kreischte eine Katze, dann wurde es still, geheimnisvoll. Das Dorf lag in tiefer Stille. Alles schlief. Allein die Kinder fanden keinen Schlaf, weil sie den Osterhasen erlauschen wollten. Endlich hatte es Sandmännchen doch geschafft. Was die Kinder im Traum sahen und wie es auch heute noch in kindlicher Vorstellung geschieht, lässt sich wie folgt zusammenfassen:

 

Hasenmütterchen hüpft von Hühnerstall zu Hühnerstall, hebt die Eier aus und sammelt sie in einer Kraxe. Hasenväterchen fährt die Eier nach Hause und färbt sie. In der Morgendämmerung des Ostersonntags trägt Hasenmütterchen die gefärbten Eier in die Nester der braven Kinder.

 

Der Traum war fort, die Kinder erwachten. Voller Freude sprangen sie zu ihren Nestern, um zu sehen, was der Osterhas hineingelegt hat. Aber schon die ersten Blicke sollten sie bitter enttäuschen. Während der kleine Peter die schönsten Sachen, bunt gefärbte Eier, Schokoladenhasen und andere Leckerbissen vorfand, waren die Nester seiner Geschwister spurlos verschwunden.

 

"Mottr, Mottr, mei Nescht is fort!", rief ein kleiner Knirps und mit ihm wie aus einer Kehle auch die anderen. "Sucht's doch! Vielleicht sin's im Blumegarte" erwiderte die Mutter aus dem Fenster. Da brachten die Kinder ihr einen Zettel, auf welchem ein Wort geschrieben war. Die Mutter las: „Ver - zo - gen"

 

Dann beroch sie das Papierstück und scherzte: "Kinr, des is a Zettl vum Osterhas; ob der net am End die Eier im Garte versteckt hat, weil'r üwr d Zaun ghopst is," ich hab'n ksiehn."

 

Nun ließ die Mutter die Kinder sprechen und ergötzt sich an den strahlenden Gesichtern und drolligen Fragen.

 

"So geht doch mol in d' Garte suche, bevor dem Schustersepp sei Lupp die Ajr freßt", belehrt sie der kleine Peter, indem er mit seinen Geschenken stolz und glücklich hin und her spazierte.

 

"Dr Phedr hat recht", bekräftigte die Mutter und eilte mit den Kindern singend in den Garten:

 

„Osterhäschen, bist du da?

Osterhas, ich wußt' es ja:

Hast die Kinder nur geneckt

und die Eier gut versteckt!"

 

 

Nun waren die Schätze geborgen, die Kinder glücklich, überglücklich. Das Hasenlied hat es gemacht. Auch der achtjährige Heinrich machte mit, obwohl er es gut wußte: der Osterhas war die Mutter. Er wollte ihr die Freude nicht verderben. Am Nachmittag gingen die Kinder zu Pat und Godl's Ostersache hole.