Kern Matz - Der Stromunfall

Liebe Lazarfelder Landsleute,
so friedvoll auch unsere Dorfgemeinschaft über die Jahrhunderte hinweg in unserer Heimat gelebt haben mag, vor schweren leidvollen Schicksalsschlägen ist sie nie verschont geblieben. Sei es, dass Naturgewalten wie Feuerbrünste , Blitz oder Hagel oder tragische Unfälle mit Todesfolge immer wieder mal die Menschen in Not und Trauer gestürzt haben. So auch in dem von Hauptlehrer Lorenz Lang in seiner Chronik "150 Jahre Lazarfeld", Seite 86, festgehaltenen tragischen Unfall mit Todesfolge, bei dem ich als " Quasi - Mittäter " beteiligt war und heute - nach mehr als 70 Jahren - mich in der Lage sehe, den dort falsch beschriebenen Tathergang zu korrigieren.
Hauptlehrer Lorenz Lang beschreibt den Vorgang, der zum Unfall führte, wie folgt:
" Das sonst so friedliche Leben der Lazarfelder Bürger wurde jäh von einem tragischen Unfall unterbrochen. Der elfjährige Junge Hans Tines, einziger Sohn des Jakob Tines, H.-Nr.142, spielte mit einem Draht und schob diesen in eine Steckdose. Ein Stromschlag löschte sein junges Leben aus". Eine lapidare Schilderung eines tragischen Unfalls, der in Lazarfeld zu großer Bestürzung führte.
Lehrer Lang gab diesen knappen Kommentar in seiner Chronik so wieder, wie er viele Jahre später, nachdem er über viele Stationen weitergegeben und als der Wahrheit entsprechend angesehen worden war. In Wirklichkeit sah der Tathergang völlig anders aus:
Tinnes Hansi war der Stiefbruder meiner Mutter und war nur 1-2 Jahre älter als ich. Meine Großmutter mütterlicherseits hatte früh ihren Mann durch die damals grasierende Tuberkulose verloren, heirate wieder, und dem neuen Ehe-Bündnis entsprang der so viel jüngere Bruder Hansi. Wir sind sozs miteinander aufgewachsen und wohnten nur 4 Häuser von einander entfernt in der gleichen Gasse. In den langen Winterabenden traf man sich häufig, um "Mensch-ärgere-dich nicht" zu spielen. So auch an dem Unglücksabend.
Während die Erwachsenen in der Küche sich mit Eifer dem Spiele hingaben, schlichen wir, Hansi und ich, uns in den Pferdestall, um dort das Spiel, den Zeitvertreib der ungarischen Knechte nachzuspielen. Dieses bestand darin, als Mutprobe einen Draht in den kaputten Schalter (Steckdose gab es da nicht) zu stecken und sich vom "Elektrischen" verschütteln zu lassen. Das war immer von großem Spaß und Gelächter begleitet, wenn danach der Proband reichlich verdattert dastand. Eigentlich sollte ich nicht in den Stall zu den Knechten gehen, doch war die Versuchung immer groß, dem derben Zeitvertreib zuzusehen. Der Nachahmungstrieb war zu groß.
Also nutzten wir, Hansi und ich, die Gelegenheit, allein im Stall sein zu können, und starteten die "Mutprobe": Mein Vater war damals noch Jäger und hatte sich zum Reinigen des Gewehrs einen dicken Draht mit einem runden geschlossenen Griff gebogen. In diesen Griff fasste Hansi, während ich versuchte, mit etwas Mühe den Draht in den kaputten Schalter einzuführen. Das gelang auch schließlich, mich erwischte ein Stromstoß, konnte den Draht loslassen und sah, wie Hansi sich komisch bewegte und schließlich in sich zusammensackte. Sein Verhängnis war, dass er den Griff nicht loslassen konnte; er war in diesem Griff gefangen. Dass er tot sein konnte, kam mir nicht gleich in den Sinn, und erst viel später registrierte ich, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein musste, nachdem das erschreckende Wehklagen der Erwachsenen kein Ende nahm. Da war in mir jede Regung blockiert, das Bewusstsein schwand und ich fand erst am nächsten Tag zu mir, als ich in einem fremden Bett - in dem der uns aus früherer Nachbarschaft freundschaftlich verbundenen Ortshebamme Hirt-Neni - aufwachte.
 
Liebe Landsleute, der o.a. Stromunfall mit tragischer Todesfolge hatte auch noch eine ungute Fortsetzung:
Der bis dahin intakte Familienfriede innerhalb des Familienverbandes wurde ernsthaft dadurch gestört, dass Hansis Vater, mein Stief- Großvater, in seinem Schmerz über den Verlust seines einzigen Sohnes völlig außer Kontrolle geraten war und es - seinem Bekunden nach - nicht verwinden konnte, dass ich ungeschoren aus der Tragödie herauskam. Immer, wenn er etwas getrunken hatte und später fortan bezichtigte er mich öffentlich der Schuld am Tode seines Sohnes Hansi. Die Mahnung an ihn, doch zu bedenken, dass ich zur Tatzeit erst kapp 7 Jahre alt war und als schuldunfähig zu gelten habe, konnte ihn von seinem Hass auf mich, den mit viel Glück im Unglück Davongekommenen, nicht abbringen. So weit das unschöne Nachspiel dieses Unglücks.
Wesentlich schöner und von allgemeiner Einsicht getragen, gestaltete sich der Umgang der Bevölkerung mit mir und dem schrecklichen Unglück. Meine große Angst, allenthalben auf das Geschehen und den Tathergang selber angesprochen zu werden, war völlig unangebracht. Die Bevölkerung, die Lehrer, der Pfarrer und auch die Kinder, meine Spielkameraden. verhielten sich -- geradezu wie abgesprochen -- solidarisch und einsichtig, dass man mir, dem unschuldigen Kind, Zeit und Gelegenheit einräumen solle, sich von seinem Schock zu erholen.
Die Gendarmerie nahm sich vorschriftsgemäß der Angelegenheit an und ließ auf meine Aussage hin die involvierten Knechte antreten, waltete nach ausgiebigem Verhör ihres Amtes und verhängte den verdatterten armen Kerlen wegen des verhängnisvollen schlechten Beispiels eine drastische Kollektivstrafe : Jeder wurde nach Art der praxiserprobten Balkan -Justiz mit einem deftigen Fluch und einer zünftigen Ohrfeige in die Freiheit entlassen. Was noch gefehlt hatte: Der sonst für solche Kleintaten übliche Tritt in den Hintern blieb diesmal aus.
Heute sind nach und nach in mir die Bilder des tragischen Geschehens da und dort etwas verschwommen und eingetrübt, doch die starken Konturen - geprägt durch das tiefe frühkindlich - emotionale Erlebnis -- noch deutlich präsent und gedanklich nachvollziehbar.
Zum Schluss die Frage an alle Leser dieser Zeilen, besonders an die spätgeborenen Lazarfelder: Gibt es noch welche unter uns, die sich an das tragische Geschehen erinnern können? Wenn nicht, so mag diese Geschichte trotzdem als kleiner Mosaikstein im Bilde des Lebens und Sterbens in Lazarfeld seine Berechtigung an dieser Stelle beanspruchen dürfen.
Herzliche Grüße an alle Landsleute, wo sie sich auch immer eine neue Heimstatt geschaffen haben!
Kern Matz