Lang Sepp - Das Kopftuch

Das Kopftuch (vulgo: Kopptiechl) der Donauschwäbischen Frauen

Als die Diskussion um die Bedeutung des Kopftuches der Muslimfrauen in der Öffentlichkeit geführt wurde, haben mich meine Kinder gefragt, ob dem Tragen des auffälligen Kopftuches von den donauschwäbischen Frauen auch eine besondere Bedeutung zukomme. Nach einigem Nachdenken musste ich eingestehen, dass es tatsächlich ein Zeichen mit Bedeutung war. Es war kein politisches und auch kein religiöses, es war ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft. Mein Wissen darüber (zugegeben, nicht besonders tief) möchte ich denen zur Kenntnis bringen, die in dieselbe Lage geraten können.
Das typische Kopftuch war quadratisch, mit etwa 65 cm Seitenlänge, es wurde diagonal gefaltet und mit den Eckzipfeln unter dem Kinn in die „Giebelform“ gebunden. Der Stoff variierte vom einfachen Zwirn für die Arbeit im Alltag  bis zu Seide und Brokat für besondere Anlässe oder Festlichkeiten. Getragen  wurde es nur von verheirateten Frauen. Die Farbe des Tuches war bei jungen Frauen hell, bei ältern dunkler, bei den Großmüttern war sie schwarz. Die Farbe war nie bunt oder aufdringlich. Bei Beerdigungen trug man immer schwarz. In einigen Gebieten trugen die Frauen, im Besonderen bei Trachtengruppen, auch bunt geblümte Tücher.
Die unverheirateten Mädchen trugen bei der Arbeit und zum Schutze der Frisur ein buntes, glatt über den Haaren, im Nacken gebundenes Tuch. Die Haare der jungen Mädchen wurden meist zu zwei Zöpfen im Nacken geflochten und mit Spangen um den Kopf zum Kranze aufgesteckt.
Die Haare der heiratswilligen Mädchen und der Frauen wurden im Nacken zu einem Zopf geflochten und nach oben über den Kopf aufgesteckt. Die Mädchen befestigten den Zopf mit einem großen, verzierten Kamm. Diese Zierde wurde natürlich nicht unter einem Kopftuch versteckt.
Damit ist die Wissenschaft um das Donauschwäbische Kopftuch noch nicht vollständig ausgelotet.
An der Form des „Giebels“ der über der Stirn der Trägerin nach dem binden entstand, konnte man die Ortszugehörigkeit der Trägerin ersehen. Durch Einlegen von Kartonstreifen oder gefaltetem Zeitungspapier beim Falten des Tuches entstanden spitze Giebel, meist für ältere Frauen, runde Giebel für jüngere. Es entstanden schmale oder auffallend breite Stirnflächen, hochgezogene quadratische und noch viele andere Kunstformen. Aber jede Form wies eindeutig auf die Zugehörigkeit zu einer Dorfgemeinschaft hin.
Eine Besonderheit ist vielleicht zur Abrundung noch nachzutragen.
Die Damen der „besseren“ Gesellschaft, die „Herrischen“ wie sie genannt wurden, es waren dies die Gattinnen von Lehrern, Ärzten, Beamten, Kaufleuten, die zumeist in den Städten wohnten, trugen keine Kopftücher. Sie hatten ihre Haare zu Frisuren kurz geschnitten und trugen meist Hüte.

Das Kopftuch war so ein Hinweis auf eine Arbeiter- Bauers- oder  eine Handwerkersfrau aus den Dörfern. Die Qualität des Stoffes war ein Hinweis auf die Wohlhabenheit der Trägerin. Die Farbe gab hinweise auf das alter der Frau, die Form auf die Ortsgemeinschaft.
Ein Eingeweihter konnte aus dem „Kopptiechl“ wie aus einer aufgeschlagenen Zeitung Stand und Herkunft erlesen.
 
Dieses Thema bietet genug interessanten Stoff  um darüber eine Magisterarbeit zu schreiben.
Viel Glück.
 
Auf den Familien- und Hochzeitsbildern der Lazarfelder „home page“ sind viele schöne Anschauungsbeispiele zu bewundern.

Josef Lang
 
München
15. Mai 2008